Shikofa (23) ist in Afghanistan geboren und im Alter von zwölf Jahren nach Österreich gekommen. Seit sieben Jahren arbeitet die gelernte Einzelhandelskauffrau in einer Bäckerei. Sie wollte immer schon Fußball spielen. Shikofa ist kontaktfreudig, zuverlässig und neugierig.
Geburtsort
Ghazni, Afghanistan
Ausbildung/Beruf
→ Einzelhandelskauffrau
2014 bin ich nach Österreich gekommen, ich war zwölf Jahre alt. Mein Vater war schon da. Das Land war neu, die Sprache war schwierig, aber insgesamt war es nicht so schwer, wie ich gedacht habe. Ich habe mich schnell hier zu Hause gefühlt. Ich lebe mit meinen Eltern und meinen Geschwistern in der Nähe von Wien. Meine Schwester Masuma spielt auch Fußball bei Kicken ohne Grenzen und ist Co-Trainerin.
Ich bin mit der afghanischen und mit der österreichischen Kultur aufgewachsen. Ich mag beide Kulturen. Hier gefällt mir zum Beispiel die Kaffeehauskultur. Ich finde es schön, dass man sich Zeit nimmt, sich trifft und miteinander plaudert.
Wenn ich nicht nach Österreich gekommen wäre, wäre ich wahrscheinlich noch in Afghanistan. Vielleicht hätte ich die Matura gemacht. Vermutlich wäre ich nur zu Hause – wegen des strengen Taliban-Regimes. In Afghanistan waren Buben immer freier als Mädchen. Sie konnten machen, was sie wollten. Sie waren oft draußen und haben Fußball gespielt. Ich habe mit Mädchen Puppen gespielt, aber ich wollte immer mit den Buben kicken.

Manchmal habe ich mit meinen Cousins im Garten oder auf der Straße gespielt. Wenn andere Familien uns gesehen hätten, hätten sie schlecht über uns geredet. Mädchen durften nicht Fußball spielen.
An meinem ersten Tag in Österreich war ich mit meinem Onkel bei einem Fußballmatch von meinem Cousin. Als ich gesehen habe, dass auch ein Mädchen mitspielt, dachte ich: Dann kann ich auch spielen. Am Anfang war es ungewohnt, mit Jungs zu spielen, aber mit der Zeit kommt man drauf, dass es egal ist, ob man ein Mädchen oder ein Junge ist – man kann miteinander spielen.
Ab 2015 habe ich in der Schule Fußball gespielt. 2018 habe ich Kicken ohne Grenzen kennengelernt. Eine Freundin hatte mir davon erzählt. Ich habe mich von Anfang an bei Kicken ohne Grenzen wohlgefühlt. Es waren viele Mädchen dabei und es hat immer Spaß gemacht. Ich fand es toll zu sehen, wie der Fußball Menschen aus unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringt und wir als Team zusammengewachsen sind.
Durch Kicken ohne Grenzen habe ich gelernt, wie wichtig es ist, Menschen durch Fußball zu verbinden und ihnen eine Stimme zu geben. Ich bin selbstbewusster und selbstständiger geworden. Das hilft mir für die Arbeit und fürs Leben generell.
Seit sieben Jahren arbeite ich bei der Bäckerei Gragger & Cie im ersten Wiener Gemeindebezirk. Dort habe ich meine Lehre zur Einzelhandelskauffrau absolviert. Ich bin dort geblieben, weil es mir gut gefallen hat. Aber ich bin noch jung, ich kann etwas Neues probieren. Ich würde gerne eine Pause machen und mich dann nach einer neuen Stelle umschauen. Vielleicht werde ich Straßenbahnfahrerin. Ich würde mir gerne anschauen, ob das etwas für mich ist. Man hat eine große Verantwortung, die Leute sicher von A nach B zu bringen, und man sieht die ganze Zeit nur Menschen. Das finde ich schön.
Beim Fußball und auf den Reisen mit Kicken ohne Grenzen habe ich viele Menschen kennengelernt. Ich bin sehr neugierig und schaue gerne, was andere machen, wie sie leben, und ob ich davon etwas für mich mitnehmen kann. Ich will weiter an meinem Selbstbewusstsein arbeiten, um meine Zukunftspläne zu verwirklichen.


Fotos: Karo Pernegger
Interviews: Birgit Riezinger
Diese Geschichten wurden im Rahmen des 10-jährigen Jubiläums von Breaking Grounds protokolliert.