Jihad (29) ist Kurde und in Syrien aufgewachsen. An Österreich schätzt er die schönen Künste, die Kultiviertheit und die Sittlichkeit. Jihad beschreibt sich als hilfsbereit und treu. Sein Ziel ist es, sich selbstständig zu machen.
Geburtsort
Damaskus / Syrien
Ausbildung / Beruf
→ Koch
Ich war zwei Tage in Österreich, da habe ich für Kicken ohne Grenzen bei einem Turnier Tormann gespielt. Mein Cousin hat mich mitgenommen, weil ein Tormann gebraucht wurde. Ich habe niemanden verstanden, niemand hat mich verstanden. Aber wir waren erfolgreich.
Ich bin weiter zu Kicken ohne Grenzen gegangen, weil ich mich wohlgefühlt habe. Ich habe hier viele Menschen kennengelernt. Wir waren wie eine Familie – egal welche Hautfarbe, egal woher man kam. Ich habe mich hier nie als fremde Person gefühlt. Wir waren zusammen, egal ob beim Spielen, Essen, Trinken oder Reisen. Das Team von Kicken ohne Grenzen hat mir sehr geholfen – auch mit der deutschen Sprache. Ich habe hier die schönsten Jahre erlebt, nachdem ich nach Österreich gekommen bin. Durch Kicken ohne Grenzen habe ich viel Respekt, Hoffnung und Optimismus gewonnen.
Im Alter von acht Jahren habe ich begonnen, Fußball zu spielen. Ich bin oft mit meinem Vater, der Fußballspieler und Trainer war, mitgegangen. In Syrien habe ich als Tormann bei einem Verein in der ersten Klasse gespielt.

2015 bin ich alleine von Syrien nach Österreich gekommen. Ich bin vor dem Krieg geflohen. Ich bin Kurde. Für Kurden war es in Syrien früher schwer. Mein Vater hat keine Dokumente bekommen. Meine ganze Familie ist noch in Syrien, ich habe regelmäßig Kontakt zu ihr. Ich glaube, dass die Situation in Syrien nach Kriegsende noch schlimmer wird.
Am Anfang war es in Österreich sehr schwierig für mich. Ich konnte kein Deutsch, hatte keine Freunde, war immer alleine, alles war neu für mich. Durch den Kontakt mit Leuten habe ich schnell Deutsch gelernt. Es hat drei, vier Jahre gedauert, bis ich mich an das Leben gewöhnt habe.
Wäre ich nicht nach Österreich gekommen, würde ich noch in Damaskus leben. Ich hätte meine Ausbildung als Bäcker fertiggemacht. Wahrscheinlich wäre ich verheiratet und hätte eine kleine Familie. Und ich hätte meine eigene Firma. Das war ein großes Ziel von mir.
An Österreich mag ich die Kultur, die Leute. Ich war schon in der Staatsoper, in Schönbrunn und in Belvedere. Einmal war ich sogar Ski fahren in Kärnten.
Mein erster Job in Österreich war bei der Bäckerei Ströck. Dort war ich vier Jahre lang. Dann habe ich mir beim Fußballspielen den Fuß gebrochen, ich hatte Probleme mit dem Rücken und der Schulter. Deshalb konnte ich nicht mehr weiterarbeiten. Ich musste eine kurze Pause machen, dann habe ich im Internet nach einem neuen Job gesucht. Nach einem Monat Suche habe ich einen gefunden: beim französischen Restaurant Beaulieu im ersten Wiener Gemeindebezirk. Einige Monate lang war ich Abwäscher. Mittlerweile bin ich Koch. Ich habe keine Lehre gemacht, meine Kollegen haben mich angelernt. Seit drei Jahren arbeite ich jetzt da.
Kochen macht mir Spaß. In unserem Restaurant
haben wir sehr viele Fischgerichte, es gibt Ratatouille, Zwiebelsuppe und vieles andere. Ich spreche kein Französisch, in der Küche sprechen wir Deutsch. Ich mag die französische Küche. Mein Lieblingsgericht ist Reis mit Fleisch. Zu Hause koche ich aber nicht, da bestelle ich mir schon einmal Pizza. Manchmal gehe ich in ein arabisches Restaurant in Wien essen.
In den vergangenen zehn Jahren hat sich mein Leben sehr verändert: neue Leute, neue Kultur, neue Sprache. Dennoch blicke ich positiv auf diese Zeit zurück. In zehn Jahren möchte ich mein eigenes kurdisches Restaurant haben und typische kurdische Gerichte wie Bulgur mit Fleisch anbieten. Das ist mein Ziel. Und ich möchte verheiratet sein.


Fotos: Karo Pernegger
Interviews: Birgit Riezinger
Diese Geschichten wurden im Rahmen des 10-jährigen Jubiläums von Breaking Grounds protokolliert.