»Verantwortung zu übernehmen bedeutet mir viel.«
— Hossna 

Hossna (21) übernimmt gerne Verantwortung. Bei Kicken ohne Grenzen ist sie Youth Leaderin und im Kinderschutzteam. Die gebürtige Afghanin lebt seit 14 Jahren in Österreich und kann besser Deutsch als ihre Muttersprache Paschtu. Hossna beschreibt sich als hilfsbereit, sozial und ehrgeizig.

 

Geburtsort
Kabul / Afghanistan

Ausbildung / Beruf
→ Kinderschutzbeauftragte und Youth Leader bei Breaking Grounds
→ Studium der Wirtschaftsinformatik an der WU Wien

Mein Leben wäre völlig anders verlaufen, wäre ich 2011 nicht von Afghanistan nach Österreich gekommen. Ich hätte keine höhere Bildung, ich würde nicht studieren. Wahrscheinlich wäre ich zu Hause und würde nicht arbeiten.

      Ich studiere im vierten Semester Wirtschaftsinformatik an der WU Wien. Obwohl es herausfordernd ist, macht es mir Spaß. Ich möchte mich einmal selbstständig machen und Unternehmen in Sicherheitsfragen bzw. bei der digitalen Transformation unterstützen.

     Es ist mir wichtig, meine Eltern stolz zu machen. Sie haben ihr Land, ihre Kultur, ihre Familien hinter sich gelassen, nur damit wir Kinder bessere Bildungschancen und eine bessere Zukunft haben. Es wäre wirklich schade, diese Möglichkeiten nicht zu nutzen.

     Bisher haben mich all meine Stationen im Leben weitergebracht. In der Volksschule war ich schüchtern, ich konnte die Sprache nicht. Aber eine Lehrerin hat mir sehr geholfen. Die Unterstufe am Gymnasium war herausfordernd.

»Es ist mir wichtig, meine Eltern stolz zu machen.«

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Dann habe ich Gas gegeben, bin mehr aus mir herausgekommen und habe mich wohler gefühlt in meinem Ich. Nach der Matura habe ich bei H&M im Verkauf gearbeitet. Dort habe ich viele verschiedene Menschen kennengelernt. Es gab Leute, die trotz gesundheitlicher Probleme 30 Jahre lang hart im Lager gearbeitet haben. Davor habe ich großen Respekt. Ich habe gesehen, was das echte Leben ist – dass man arbeiten muss, um zu leben.

      Ich habe auch in einem Callcenter gearbeitet. Da habe ich gelernt, wie man auf Leute zugeht und wie man sie am Telefon hält. Auf der Uni habe ich gemerkt, dass das etwas ganz anderes ist als Schule. Aber ich studiere freiwillig und das hilft mir dabei, mich zu motivieren.

      In der ÖH auf der Wirtschaftsuniversität organisiere ich in einem Team von sechs Leuten jeden Monat interkulturelle Events für Studierende. Da muss man organisatorisch an viel denken und ich habe gelernt, noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Das bedeutet mir viel, weil Menschen davon profitieren. Ich profitiere selbst davon, weil ich mich weiterentwickle.

»Hier kann ich den Kopf freikriegen.«

      Bei Kicken ohne Grenzen habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe gelernt, besser zu kommunizieren und mutiger zu werden. Meine Rolle hat sich im Laufe der Zeit verändert: Von einer schüchternen Spielerin bin ich zu einer Person geworden, die andere motiviert, sich mehr zu trauen. Es gefällt mir, Leute miteinander zu connecten. Kicken ohne Grenzen bedeutet für mich Zusammenhalt, jede Menge Spaß und dass man nicht verurteilt wird, egal welche Geschichte man hat.

      Obwohl ich viel beschäftigt bin, gehe ich noch regelmäßig zum Training. Es beruhigt mich, wenn ich Fußball spiele. Es macht Spaß. Und es ist ein Ausgleich zum Alltagsstress. Hier kann ich den Kopf freikriegen.

      Als gebürtige Afghanin mit Kopftuch ist man leider oft Opfer von Rassismus. Mittlerweile kann ich damit besser umgehen. Einem ausländerfeindlichen Menschen in Österreich würde ich gerne sagen, dass wir nicht sehr verschieden sind: Wir sind beide Menschen, wir spüren beide Schmerzen, wenn wir verletzt werden.

      Als österreichische Staatsbürgerin habe ich schon öfter gewählt. Es ist mir wichtig, meine Stimme zu nutzen. An der Politik in Österreich stört mich die Propaganda gegen Muslime. Da kommen ausländerfeindliche Aussagen, wo ich mir denke: Geht’s noch?

      In zehn Jahren möchte ich einen Partner haben und selbstständige Unternehmerin sein. Später, wenn ich die Mittel dazu habe, würde ich gerne eine NGO oder einen Hilfsfonds gründen – für Kinder in Afghanistan, die keine Familien haben und nicht so gute Chancen haben wie ich.

 

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»Es beruhigt mich, wenn ich Fußball spiele.«

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Fotos: Karo Pernegger

Interviews: Birgit Riezinger

Diese Geschichten wurden im Rahmen des 10-jährigen Jubiläums von Breaking Grounds protokolliert.